BRUNO'S BLOG 2.0

Die Geschichte einer Suche


Ein Kommentar

Wie ich zum YouTube Hassprediger wurde

Ich bin ein großer Fan von YouTube! Hier finde ich immer alles, was ich suche und das oft auch noch viel schneller, bunter und lauter als in Google. Ob ich nun wissen will, wie man Angora-Zwergkaninchen melkt oder mit Batterien aus dem Baumarkt seinen eigenen, elektrischen Stuhl bastelt – hier wir einem geholfen. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, sich durch die komplexen, rechtlichen Belehrungen des Portals durchzulesen, dem vergeht die Lust recht schnell, überhaupt noch irgendetwas online zu stellen. Höchstens noch einen kurzen Film über eine stockdunkle Nacht ohne Ton – gefilmt im Inneren einer Kuh, die der rektalen Einführen der GoPro ausdrücklich zugestimmte und während der ganzen Zeit von Greenpeace, WWF, und PETA lückenlos überwacht wurde. Wer dieses schwarze Stück tonloser Kunst online stellt, kann sich höchstens noch fragen, ob irgendjemand das Urheberrecht an der Farbe „Schwarz“ hält und ihn deswegen verklagt. Nun, ich machte mir die Mühe und verschaffte mir wenigstens einen Überblick der schlimmsten Verstöße und den angedrohten Konsequenzen. Schließlich las ich MEINEN Audio-Blog mit MEINER Stimme ein, erstellte SELBER ein Standbild mit MEINER legalen Software und lies KEINEN Song von Rihanna im Hintergrund laufen. Derart abgesichert lud ich das gute Stück auf die Tube meiner Wahl und erfreute mich an den, zugegeben recht bescheidenen, Klickzahlen. Doch wie ist es mit vielem im Leben? Manchmal macht man etwas mehr aus Spaß an der Freude, als mit einem kommerziellen Hintergedanken. Der Blog hieß übrigens „Tesla kann mich mal“ und kann zumindest hier noch online nachgelesen werden. Als ich gestern eine englische aber durchaus freundliche Mail von YouTube erhielt, dachte ich erst an Spam und wollte sie schon löschen, als mir die Überschrift ins Auge sprang – „Your video has been removed from YouTube“! Als das Unschuldslamm, für das ich mich zu diesem Zeitpunkt noch hielt, las ich die freundlichen Zeilen durch und wurde Wort um Wort näher an die Erkenntnis herangeführt, dass ich eine sogenannte „Hassrede“ auf das Portal geladen hätte, welche gegen die guten Sitten und Gebräuche des Hauses verstoße. In der Folge wurde ein Penalty gegen mein Konto verhängt, der aber freundlicherweise nach Ablauf von 3 Monaten bei guter Führung wieder aufgehoben wird. Mir wurde außerdem mitgeteilt, dass man sehr viel Wert auf Meinungsfreiheit legen würde, aber dass der Grat eben sehr schmal sei und mein Video vielleicht etwas zu sehr in die falsche Richtung drifte. Also machte ich mich reumütig auf den Weg um sowohl meinen Blog als auch YouTubes Richtlinien zu Hassreden für eine lockere Runde Selbstkasteiung gut durchzulesen und auf die folgenden Punkte zu überprüft:

  1. Rasse oder ethnische Herkunft
  2. Religion
  3. Behinderung
  4. Geschlecht
  5. Alter
  6. Veteranenstatus
  7. Sexuelle Orientierung/geschlechtliche Identität

Schnell wurde mir klar, dass ich mit meinen satirischen Textpassagen wohl nicht die Tesla-Fahrer, sondern eher das Königreich von Saudi-Arabien basierend auf Punkt 2 verletzt hatte. Zitat: „Ich finde es verstörend, wie Tesla Saudi-Arabien als Marktteilnehmer mit Füssen tritt. Was bitte sollen die Saudis in einigen Jahrzehnten exportieren, wenn nicht Erdöl? Vielleicht Scharia-Bücher oder handgeflochtene Peitschen für die Bestrafung uneinsichtiger Diesel-Fahrer? Ich spreche beiden den Status des Exportschlagers ab. Tesla schafft hier ein neues Paradigma – den Ökorassismus.“ Nun, was arabischen Bloggern widerfährt, wissen wir spätestens seit der öffentlichen Auspeitschung von Raif Badawi. So kann ich mich wohl glücklich schätzen, dass ich von YouTube lediglich eine Abmahnung für „unangebrachte“ Inhalte erhielt. Doch ehrlich liebe Leser – welchen Bildungsgrad müsste der Überprüfer dieses Contents aufweisen um ihn als Satire identifizieren zu können? Würde ein Hauptschulabschluss reichen oder ist doch ein Abitur über 1.5 dazu nötig? Vielleicht beschäftigt Google ja die wahren Cracks nur in den technischen Abteilungen, während die „Gugelhöpfe“ Inhalte auf YouTube überprüfen. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto unwohler fühle ich mich in einem Gefäß, wo ich bis anhin Leute wie Hitler, Osama Bin Laden und verblendete Neonazis gesehen hatte. Also google ich „Hassrede“ und muss selber darüber lachen, dass ich den Besitzer von YouTube nutze, um über diesen Unsinn zu recherchieren. Bereits nach wenigen Klicks werde ich fündig und stoße auf den Begriff, der in sozialen Medien mehr und mehr Einzug hält – „Zensur“. Der italienische EU-Abgeordnete Matteo Salvini hat sich im April 2017 vor dem EU Parlament zur grassierenden Facebook Zensur und auch dem Hassreden-Wahn sehr deutlich geäußert. Zum Video!

Wenn jetzt bereits kleine satirische Seitenhiebe auf ein Land verboten sind, das absurde Anklagepunkte wie Hexerei oder Gotteslästerung mit der Todesstrafe ahndet – wo endet dann das Konzept der freie Meinungsäußerung? Je mehr ich recherchiere, desto klarer wird mir, dass hier eine Grauzone entsteht, die wirklich stark nach Orwells 1984 riecht. Einige von euch werden jetzt lachen und das übertrieben nennen, doch genau das geschieht im Moment. Facebook unterhält in Berlin ein sogenanntes Löschzentrum mit über 600 Mitarbeitern, die nichts andere tun, als Hasskommentare, Enthauptungsvideos, Kinderpornografie und ähnlich Schlimmes zu löschen – und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Niemand würde allen Ernstes die Notwendigkeit einer solchen Zensur in Frage stellen. Doch die Problematik liegt ganz wo anders. Anhand meines Blogs zeigt sich sehr deutlich, dass es eben auch viele Grauschattierungen und nicht nur Schwarz oder Weiss gibt. Was ist Satire? Was Ironie? Ruft ein Autor zum Nachdenken auf oder schürt er Hass gegen jemanden oder etwas? Jan Böhmermann erlebte dies 2016 mit seinem inzwischen berühmt gewordenen Schmähgedicht gegen Recep Tayyip Erdoğan, am eigenen Leib. Obwohl das Sendegefäß ganz offensichtlich als Satire gekennzeichnet ist, erhielt es nicht den Schutz, den es verdiente. Scheinbar waren selbst hochkarätige Politiker damit überfordert zu beurteilen, wo sich denn die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und Beleidigung eines Staatsoberhauptes genau befinden würde. Es liegt nahe zu vermuten, dass sich selbst Bundekanzlerin Merkel nach den jüngsten Entgleisungen des oben genannten mit Kritik gegen Böhmermann zurückhalten würde. Zuviel geht nicht und zu wenig geht auch nicht! Wer legt also fest, wo die Grenzen sind?

Das Vorgehen ist bei YouTube und Facebook vollkommen identisch. Jemand denunziert (oh mein Gott, habe ich eben dieses schlimme Wort benutzt?) euch und meldet den Inhalt beim Betreiber des sozialen Netzwerkes. Ein Mitarbeiter prüft dann, ob wirklich ein Verstoß vorliegt und veranlasst schließlich eine Löschung und die dazu gehörende Abmahnung. Für die Beschwerde gegen die Löschung steht dann auf YouTube lediglich eine Zeile zur Verfügung. Erfolgsaussicht: Irgendwo gegen Null! Natürlich könnte man jetzt sagen: „Ach was regt sich das Kerlchen denn so auf! Nur weil sein Audio-Blog gelöscht wurde, den sich eh niemand anhört?“ Nein, ich sehe das aus einem vollkommen andere und nüchternen Blickwinkel und stelle mir die Frage: „Wenn sogar dieses klitzekleine, unwichtige Stück Satire gelöscht wird – was wird uns in Zukunft noch alles vorenthalten?“ Facebook, Twitter, YouTube und Co sind nicht nur Spielplätze für gelangweilte Menschen mit narzisstischem Mitteilungsbedürfnis! Spätestens seit dem Arabischen Frühling 2011 sollte jedem klar sein, dass diese Medien Grenzen sprengen und Informationen auch da fließen lassen, wo staatliche Zensur fast alles kontrolliert. Dass China nach wie vor Facebook landesweit sperrt, kommt nicht von ungefähr. Unpopuläre Meinungen sollen weder geäußert, noch vor einem Millionen Publikum verbreitet werden. Zudem soll das Fensterchen mit Blick in die Freiheit natürlich nicht zu gross sein, um keine Begehrlichkeiten zu wecken. Natürlich lässt uns diese Zensur weitgehend kalt, denn sie betrifft ja lediglich Länder, die wir gemeinhin als totalitär oder gar rückständig betrachten und nicht uns selbst. Doch wenn Sozialen-Medien eine so gewaltige Macht obliegt, wie wirkt es sich dann aus, wenn deren Mitarbeiter entscheiden, was nun genau Redefreiheit und was eine Hassrede ist. Wieviel wertvolles Gedankengut, und ich meine nicht zwangsläufig mein eigenes damit, wird wohl in Zukunft in den Mühlen der Löschzentren zu digitalem Staub zermahlen? Ich erinnere mich gerne an die altern Western aus den späten 70er Jahren. Sie enthielten oft ein Element, das selbst heute noch in vielen Filmen Gültigkeit hat. Den Bösen erkannte man schnell an der schwarzen Kleidung. An den Randbereichen sind wir alle in der Lage gut von schlecht zu unterscheiden. Doch je mehr die Skala gegen die Mitte zu driftet, desto mehr Intellekt und Qualifikation sind erforderlich, um die Seite noch zuordnen zu können. Werden Facebook und Co also bald Akademiker einsetzen um sensible Posts zu überprüfen? Wohl kaum! Sie werden gemeldete Inhalte lieber löschen um Ärger zu vermeiden und den Unmut weniger Betroffener ohne mit der Wimper zu zucken ignorieren. Doch werden das in Zukunft wirklich wenige sein, wenn selbst der Hauch von Ironie bereits zur Löschung führt? Ich persönlich frage mich höchstens noch, warum Twitter nicht längst die Posts von Donald Trump löscht! Denn würde ich jemandem mit Feuer und Zorn drohen, wie es die Welt noch nie gesehen hat, wäre der Post wohl offline bevor ich meinen ersten Kaffee nach dem Upload getrunken hätte. Bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob dieser Blog jetzt eine Hassrede gegen YouTube ist?

Werbeanzeigen


Hinterlasse einen Kommentar

„Ausländer raus…..

….. an die frische Luft!“ Sage ich empört zu dem Neger, der neben mir sitzt. „Es kann doch nicht sein, dass diese armen Menschen den ganzen Tag in diesen stickigen Flüchtlingsunterkünften herumhängen müssen? Das ist doch kein Leben!“ Die ältere Frau am Nebentisch dreht sich entsetzt zu mir um und ramentert lautstark los: „Ausländer raus? Was sind sie denn für ein Zeitgenosse? Und was ist mit den Ausländerinnen? Warum diskriminieren sie die Frauen? Sollen die etwa drinnen bleiben?“ Ich entschuldige mich kleinlaut bei der Frau, die nach näherem Betrachten eine Zigeunerin sein könnte und wende mich wieder meinem Negerfreund mit den viel zu grossen Lippen zu. „Menschen mit Migrationshintergrund!“, sagt dieser überraschend und grinst breit in die Runde. „Wie meinst Du?, frage ich verwirrt. Mein Freund der Neger antwortet mit einem Lächeln, das viel zu weisse Zähne offenbart. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nur eine optische Täuschung auf Grund seiner Hautfarbe ist und trotzdem bin ich neidisch. „Ihr solltet sie nicht Ausländer, sondern Menschen mit Migrationshintergrund nennen, denn das wäre PC!“ Bevor ich etwas erwidern kann, betritt der zwergenwüchsige Wirt die Gaststube und blickt genervt in die Runde. „Wer hat denn das Schnitzel a la Roma bestellt?“  Beinahe alle Anwesenden schauen kurz auf und blicken in die Runde. Ein vielleicht 40-jähriger, intellektuell aussehender Herr am Nebentisch senkt kurz seine FAZ und nickt dem Wirt bejahend zu. Die ältere Frau am Nebentisch schnaubt verächtlich in Richtung des FAZ-Lesers und schüttelt schliesslich den Kopf als wolle sie eine Herde Flöhe los werden. „Was um Himmels Willen ist ein Schnitzel a la Roma?“, grunz sie angegriffen. Der bebrillte FAZ-Leser senkt erneut die Zeitung und ringt sich ein müdes Lächeln ab. „Das ist eine politisch korrekte Bezeichnung für Zigeunerschnitzel! Ich hatte den Wirt freundlicherweise bei der Bestellung darauf aufmerksam gemacht, dass er dieses nicht mehr so in der Speisekarte nennen könne!“ Der Neger neben mir grinst erneut. „PC – ich sag’s doch!“ Der Bebrillte indes senkt wieder die Zeitung und schüttelt ebenfalls den Kopf. „Unglaublich, was da an Silvester in Köln passiert ist!“, schnaubt er verächtlich. Ohne auf eine Antwort zu warten, fügt er hinzu: „Über 60 Anzeigen von Frauen wegen sexueller Belästigung! Das ist einfach unfassbar!“ Links hinter ihm sitzt ein jüngerer und zugegeben schwul aussehender Mann in weisser Hose und blassrosa Hemd. Kaum ist das Stichwort Köln gefallen, mischt er sich tuntig in die eigentlich nicht existierende Diskussion ein. „Da sagen sie was, mein Lieber! Es ist wirklich unfassbar, dass da nur Frauen belästigt wurden!“ Der Liliputaner-Wirt knallt dem FAZ-Leser den dampfenden Teller auf den Tisch und stampft mit seinen viel zu kurzen, pummeligen Beinchen davon. Da beides beinahe gleichzeitig passiert, kann das ruckartige Senken der FAZ unmöglich dem aggressiven Verhalten des Zwergen-Wirtes oder der Schwuchtel zugeordnet werden.

Eine Ökotussi am Nebentisch, die bis anhin lautlos an ihrem Heubuschtee nippte, setzt diesen empört und viel zu heftig auf den klirrenden Teller ab. Sie trägt einen wollenen Schaal, der so aussieht als hätte sie sich ein lebendiges Schaaf um den Hals gewickelt und die Hufe im Nacken verknotet. Ihre Haare trägt sie zu einem höchst unvorteilhaften Dut hochgebunden, der ihr Gesicht noch viel maskuliner wirken lässt, als es ohnehin schon ist. Aber die gelungene Krönung stellt ohne Frage ihr grüner Lippenstift dar, der wie ein Bekenntnis ihrer Gesinnung im pickelschwangeren Gesicht prangt.  „Wollen sie damit etwa andeuten, dass sie gerne belästig werden möchten?“, blafft sie den jungen Schwulen im rosa Hemd an. „Ich finde das einen unerhörten Affront gegenüber allen Mitgliedern des weiblichen Geschlechts!“ Der FAZ-Leser versenkt prüfend seine Gabel in das wohl etwas zu gut durchgebratene Schnitzel und zieht verächtlich die rechte Augenbraue hoch. Unvermittelt dreht sich ein älterer Bauer vom Stammtisch um, blickt erst prüfend zu rosa Hemd und dann zu Heubuschtee. „Natürlich will die Schwuchtel befummelt werden! Das sieht doch wohl ein Blinder oder?“ Heubuschtees Unterkiefer klappt so weit nach unten, dass sie irgendwie wie eine Fähre mit geöffneter Heckklappe vor dem Verladen der Autos aussieht.  „Visuell-Herausgeforderter!“, wirft mein Negerfreund ein und seine viel zu grosse Unterlippe schwabbelt wie ein Wackelpudding. Für 3 Sekunden ist es mucksmäuschenstill in dem Gasthaus und ich hoffe schon, dass die Diskussion damit im Sande verläuft. „…..und ich fände Menschen in andersartigen Lebensumständen besser als Schwuchteln!“, setzt der Neger kritisch nach, was wiederum den FAZ-Leser zu einem wohlwollenden Nicken bewegt. Ich finde die Antwort des Bauern, ob den gerade Pause auf den Baumwollfeldern sei, nicht eben hilfreich und werfe einen verzweifelten Blick auf die viel zu weit entfernte Tür.

„Nein, natürlich möchte ich nicht belästigt werden! Aber ich fühle mich ausgegrenzt, wenn ich nicht die Möglichkeit habe, auch belästigt zu werden. Das ist unfair! Alle sollten die gleichen Rechte haben!“, nölt die kleine Schwuchtel beleidigt mit weinerlichen Stimme. Die ältere Frau am Nebentisch drängt sich auch wieder in die Unterhaltung. „Wenn du erst einmal zu den Senioren gehörst, dann wirst du dir auch etwas Belästigung wünschen Schätzchen!“, seufzt sie wissend in Richtung der schafumwickelten Frau. Ich blicke zum Neger und sehe entsetzt, wie sich neue Worte den Weg aus dem Gehirn ins Gesicht bahnen. „Wenn du sie jetzt Menschen mit beschränkter Lebenserwartung nennst, verkaufe ich dich auf der Stelle!“, zische ich ihm hinter vorgehaltener Hand zu. FAZ ist fertig mit seinem Schnitzel, zupft fein säuberlich die Nickelbrille zurecht und tupft sich höchst manierlich die Zigeuner- oder besser gesagt Roma-Reste mit der Serviette aus den Mundwinkeln. Heubuschtees Gesicht ähnelt inzwischen beängstigend einem Zugunglück. „Ich finde Ihre Haltung in höchstem Masse despektierlich gegenüber uns Frauen! Sind sie sich eigentlich drüber klar, was diese Frauen schreckliches erlebt haben? Und sie treten das mit Füssen, indem sie sich wünschen auch belästig zu werden!“ Mir scheint, als steigen kleine Schwefelschwaden aus ihren Nüstern und wieder finde ich den Kommentar „Rrrrruuuuuhig Fury!!“ des Bauern irgendwie unangebracht. „Neeeein!“, ruft die Schwuchtel ein bis zwei Oktaven zu hoch. „Ich will ja gar nicht belästig werden. Aber mir steht das Recht zu, im Sinne der Gleichberechtigung ebenfalls belästigt zu werden!“ Der Bauer schüttelt grinsend den Kopf und formt mit Daumen und Zeigefinger einen Ring, durch den er kurzerhand den Zeigefinger der anderen Hand steckt. „Sie sind wirklich ein Bauer!“, rufe ich empört und ernte damit Gelächter vom Stammtisch. „Vielleicht solltest du ihn nicht Bauer nennen!“, flüstert der Neger. Ich bin kurz davor  in diesem Kasperletheater die Nerven zu verlieren. „Wie denn? Etwa Herstellungstechniker für Veganer-Lebensmittel?“, blaffe ich ihn böse an. Er zuckt mit den Schultern und senkt kleinlaut den Kopf. „Ich meine ja nur, das ist sicher nicht PC!“  Eine adrette, blonde Dame, deren Haltbarkeitsdatum schon leicht abgelaufen ist, steht auf und schreitet auf viel zu hohen Absätzen durch die Gaststube. Zu meiner Überraschung bleibt sie direkt neben unserem Tisch stehen und zupft sich neckisch ihr Miniröckchen im Leopardenlook zurecht. Als sie sich vornüberbeugt sieht man nicht nur mindestens die Hälfte ihres Busens, sondern ertrinkt auch unweigerlich in einem Schwall von Chanel Nr. 5. Die viel zu grossen Ohrringe unterstreichen dezent die Falten an ihrem Hals. „Bitte entschuldigen sie, wenn mich hier einfach so einmische, aber ich wollte schon  immer wissen, ob Neger wirklich so hervorragend bestückt sind, wie man es immer wieder hört?“ Meine Faust saust krachend auf den Tisch, so dass einige Gläser wackeln und umfallen. „Sind sie von allen guten Geistern verlassen sie Schlampe? So eine Frage ist doch in höchstem Masse rassistisch!“, empöre ich mich lautstark. „Eventuell wäre „Frau mit ausschweifendem, andersartigem Lebensstil angebrachter!“, flüstert mir der Neger für die anderen unhörbar ins Ohr.

Die Leopardendame reagiert verwirrt und gekränkt. „Ist ein Kannibale, der sich fragt ob Schwarze oder Asiaten anders schmecken als Weisse dann in ihren Augen auch ein Rassist?“,  fragt sie gehässig. Hilfesuchend blicke ich zu meinem Freund, doch dieser zuckt nur mit den Schultern und schüttelt den Kopf. „Woher soll ich das wissen?“, fragt er verwirrt. „Ich habe weder jemals Schlitzaugen noch Beleichgesichter gegessen!“ Irgendwie beunruhigt mich der Gedanke, dass Neger in seiner Aufzählung fehlen, doch seine Wortwahl irritiert mich weitaus mehr. „Sag mal, hast du gerade Schlitzaugen gesagt oder habe ich mich verhört? Ich dachte du hast an der Harvard Business School studiert und textest mich schon seit geraumer Zeit über political correctness zu!?“ Bevor er antworten kann, schwingt die Türe zur Küche auf und der kleinwüchsige Wirt erscheint mit einem, für ihn viel zu grossen, Tablett im Raum. „Wer hat einen extraschwarzen Kaffee bestellt? Ist der für den Neger?“ Der unverhohlene Rassismus des Zwerges raubt jetzt tatsächlich allen Anwesenden, ausser den Bauern natürlich, kurz den Atem. Es entsteht ein Vakuum, in dem weder jemand spricht noch sich bewegt. In der hintersten Ecke erhebt sich eine fette dunkelhaarige Frau, die bis anhin unerkannt und stumm in der Gaststube sass und nur dem Gespräch lauschte. Als sie sich in die Mitte des Raumes stellt, erstarren wir in der Erwartung von etwas ganz Besonderem.

Ihre Stimme klingt irgendwie quietschend, als sie los legt.  „Der Kaffee war für mich! Aber ich brauche ihn nicht mehr. Ich möchte keine weitere Minute hier unter euch verbringen. Ich finde es unerhört, wie ihr auf Minderheiten herumhackt!“, sagt sie schnaufend und stampft schwer mit dem rechten Fuss auf. „Wo sind Greenpeace nur, wenn man sie braucht?“, höre ich jemand kichernd am Stammtisch brabbelnd. Doch die fette Frau spricht unbeeindruckt weiter. „Ich gehöre selber einer Minderheit an. Ich bin dick aber ich finde mich wunderschön, bin sehr glücklich und fühle mich wohl in meinem Körper! Und davon solltet ihr euch alle eine Scheibe abschneiden!!“, keift sie laut in den Raum. Wohl wissend was gleich kommt, vergrabe ich mein Gesicht ungläubig in den Händen.  Mein Negerfreund prustet vor Lachen einen Mund voll Bier in das Gesicht seines Gegenübers und ihre steile Vorlage provoziert unweigerlich die erwartete Frage nach einer Scheibe Walfischsteak. Unerwartet kommt Hilfe aus einer Richtung, aus der man sie nicht erwartet hätte. „Eigentlich haben sie ja vollkommen Recht, aber sie sind schon etwas zu dick gute Frau!“, unkt Heubuschtee mit schneckisch, grünen Lippen. „Ich finde dick nicht in Ordnung!“, mischt sich augenblicklich mein Negerfreund ein, der sich immer noch das restliche Bier vom Kinn wischt. „Menschen wie sie treiben aber unsere Gesundheitskosten unnötig in die Höhe!“, keift Grünlippenheubusch und zeigt mit dem ausgestreckten Finger direkt auf die entsetzte Frau. „Wie würden sie denn das anders nennen als dick?“ Mein Freund überlegt kurz und erwidert schliesslich fragend: „Na ja, vielleicht könnte man ja einfach sagen, sie profitiert nicht übermässig von der Erdanziehungskraft? Oder sie ist im Bereich Gewichtsmanagement wissenstechnisch benachteiligt?

Die dicke Frau ist dermassen perplex, dass sie kein Wort mehr über ihre wulstigen Lippen bringt und stampft heroisch dem Ausgang entgegen. Ein pakistanisch aussehender, junger Mann, der eben mit einem Busch Rosen die Gaststätte betritt, schreitet ihr freudestrahlend entgegen. „Wolle Rose kaufe?“, fragt er höflich, und ignoriert das drohende Unheil zu Boden gewalzt zu werden. „Zieh Leine Taliban!“, zischt die Frau und rollt weiter dem Ausgang entgegen. Wie auf Kommando erhebt sich hinter mir am Stammtisch ein Bauer und schreit laut in die Raum hinein. „Allah u Akbar!“, bevor er ruckartig an der Schnur seiner Sprengstoffweste zieht und eine gewaltige Explosion die ganze Gaststätte mit samt ihren Protagonisten in Schutt und Asche legt. Als der graue Staub sich langsam setzt, ragt einzig ein Strauss Rosen an einer verkrampften Hand unter einer dicken Frau hervor. Knapp 10 Minuten später zieht eine mit Maschinengewehren bewaffnete Sondereinheit des SEK einen schmächtigen, jungen Pakistani unter einer toten, dicken Frau hervor und führt ihn mit auf den Rücken gebundenen Händen schwerbewacht ab. Die Rosen bleiben wie ein leuchtend buntes Mahnmal im grauen Staub der Trümmer liegen.

Pressemitteilung: „Bei der gestrigen Explosion wurden 11 Personen getötet und am Gebäude entstand ein Sachschaden von mehreren Hunderttausend Euro. Der Attentäter selbst überlebte die Explosion wie durch ein Wunder, weil ein korpulentes Opfer wohl wie eine Art Schutzschild wirkte. Ihn erwartet eine lebenslange Haftstrafe!“


Ein Kommentar

Mein Comeback als Schwimmer

Gute Texte sind wie ein schöner, schwerer Rotwein, der erst ein wohliges, warmes Gefühl im Magen verbreitet, langsam empor steigt um schließlich den Geist sanft von der harten Realität zu entkoppeln. Schreiben ist für mich die Kunst, Bilder und Gefühle mit einem schier endlosen Informationsgehalt und nicht minder weniger Emotionen in Buchstaben und Worte zu komprimieren. Es ist so etwas wie das WinZip unter den Künsten. Wie viele Zeilen bräuchte es, um eine Blume während eines Sommergewitters zu beschreiben, die sich unter der Last der Tropfen dem nassen Erdreich entgegen neigt? Hunderte von Details, die unser Auge in Sekundenbruchteilen erkennt, würden ganze Seiten füllen. Dem Leser dieses Bild in wenigen Worten zu vermitteln ist die wahre Kunst eines guten Textes. Wenn mich heute jemand ganz direkt fragen würde, was ich wirklich gut kann, dann würde ich nicht schwimmen, sondern schreiben sagen. Und das nicht, weil die Sehne unter meinem Schulterdach ihre Umgebung wie eine kleine, rostige Laubsäge malträtiert. Ich würde es sagen, weil Schwimmen eine Geschichte ist und das Schreiben sie erzählt.

Wer eine Geschichte erzählt, die weder von Sucht nach Heldentum noch von Geltungsdrang geprägt ist, der wird trotzdem schnell merken, wie stark er polarisiert. Zwischen: „Ach – der will sich doch nur wichtig machen!“, über „Der hat sicher ein Problem mit dem Selbstwertgefühl, dass er so etwas machen muss!“, bis hin zu „Unfassbar! Toll! Wahnsinns Leistung!“, wird man alles an menschlichem Repertoire erleben. Wobei man zugeben muss, dass das Spektrum von: „Warum der und nicht ich?“ und daraus resultierende Fragen wie: „Was mache ich mit meiner eigenen Unzulänglichkeit?“, weitaus größere ist. Doch rückblickend darf ich sagen, dass ich eigentlich weitgehend gut behandelt wurde. Vielleicht weil ich dabei stets ehrlich und vor allem selbstkritisch blieb. Ich habe für die SWIM online fast 60 Artikel verfasst, bei denen es mehr oder weniger ums Schwimmen geht. Ich habe davon erzählt, wie es sich anfühlt im Glitzern eines herrlichen Sonnenaufgangs im eiskalten See zu schwimmen. Und jedem zwischen hier und Timbuktu habe ich erzählt wie es sich anfühlt, wenn das Wasser sanft wie eine Frau über die Muskulatur streichelt. Doch in all diesen Berichten habe ich eine Geschichte erzählt, die lediglich durch das Schwimmen ihren Weg an die Oberfläche gefunden hat. Ich habe versucht, das zu erzählen, was Coldplay im Song „Fix you“ in einem wundervollen Satz formuliert: „If you get what you want, but not what you need!“ Mir wäre nicht bewusst, dass ich jemals so viel komprimierte Wahrheit in einem anderen Satz gefühlt hätte. Und während der ganzen Zeit stellte sich mir immer wieder eine einzige, grosse Fragen: „Geht es anderen auch so? Kann ich irgendjemandem helfen, der sich dieselben Fragen stellt?“

Als ich unaufgefordert aufhörte meinen Blog für die SWIM zu schreiben, war das einer der schlimmsten Tage meines Lebens. „Warum hast du es dann gemacht du Idiot?“, höre ich da gerade eine kritische Stimme aus den hinteren Reihen. Nun, es gibt eine unumstößliche Wahrheit, die fast nur Autoren richtig verstehen. Jede Geschichte braucht ein Ende, bevor sie in die unergründlichen Tiefen der Belanglosigkeit abdriftet. Positive als auch negative Beispiele gibt es genug auf dem Markt. Viele hätten sich noch 34 weitere Staffeln von „Breaking Bad“ gewünscht und dennoch war 2013 nach der fünften Schluss. Warum? Nun – Geschichten erzählen ist so ähnlich, wie auf Aktienkurse spekulieren. Sowohl Anleger als auch Erzähler wissen erst nachträglich, dass sie auf dem Peak waren und ihr Heil im Verkauf hätten suchen sollen. Für den Anleger nicht so schlimm, denn er verliert „nur“ Geld. Der Erzähler verliert sehr viel mehr – nämlich Glaubwürdigkeit! Wer würde einem Jockey zujubeln, der versucht ein halbtotes Pferd an den Hufen über die Ziellinie zu schleppen, nur um den Betrag für einen absolvierten Zieleinlauf zu kassieren? Niemand! Es wirkt erbärmlich und wir würden uns beschämt abwenden. Meist verleiten Ruhm, Prestige oder ein letzter Rest von kommerziellem Erfolg dazu, doch noch weiter mit der Peitsche auf das halbtote Tier einzuprügeln. Ich hätte sicher noch 10 oder 20 Blogs schreiben können, aber da war einfach keine weitere Schwimmgeschichte in mir drin. Selbst die glitzerndsten Lichteffekte auf Wellen, die wie flüssiges Gold über den Ozean rollen, verlieren irgendwann ihren Glanz. Und ich wolle nicht zu „Grey‘s Anatomy“ werden, wo jede Hauptfigur mangels neuer Geschichten nun schon mindestens dreimal mit jeder anderen gevögelt hat. Lieber das Tier würdevoll in den Stall geleiten und mit erhobenem Haupte Abschied nehmen, als erbärmliche „Likes“ zu zählen und sich einzureden, dass 18 Stück doch immer noch ganz gut sind. Zudem kam nach der erfolgreichen Bodenseedurchquerung ja auch gleich mein Buch auf den Markt und machte mich quasi über Nacht reich. Tut mir leid, es so deutlich sagen zu müssen, aber ich arbeite heute nur noch zum Spaß und lebe mehrheitlich in den Tag hinein. Ich beobachte dann Frank Wechsel bei Langdistanz- oder Marc Pschebizin beim Inferno-Comeback. Tja, so ist das halt, wenn man Erfolg hat!

Oh Moment, ich bin gerade in eine andere fiktive Geschichte abgedriftet…. „Was hat der Bodensee mit dir gemacht?“ Eine Frage, die mir jüngst meine Partnerin stellte, die trotz Liebe und Bewunderung auch ein recht harter Kritiker sein kann. Also – ihr könnt euch den heroischen Akt der Bodenseedurchquerung im Zeitraffer etwa so vorstellen: „18 Grad? Heilige Scheiße ist das kalt!“ 20 Minuten später ist es stockdunkel und ich steige in Bodman ins Wasser: „Mein Gott, das ist ja noch kälter als ich dachte! Wie soll ich das durchhalten?“ Eine Stunde später im See: „Wie komme ich aus der Sache wieder raus? Am besten ertrinke ich, das wäre am wenigsten peinlich! Wem kann ich noch in die Augen schauen? Scheiße ist das kalt!!“ Mitten in der Nacht dann das Problem mit dem verklemmten Seil und der Navigation: „Heilige verfluchte……. Zensur….. ist das ein ver…. Zensur, Zensur, Zensur, Zensur   …se!“ Später in der Mitte vom See: „Ich schwimme einfach noch ein paar Meter, denn mit jedem Meter ist es weniger peinlich wenn ich aufgebe! Sch…. ist das kalt!“ Später in Richtung Lindau: „…. brr pflatsch, pflatsch….. linkes Ärmchen, rechtes Ärmchen…. Sch….. tut das weh!“ Dann in der Bregenzer Bucht: „wdrrrrr…. pfahhh….. brimbimbim….. fuuuuuuthhhhhh….. Sonne wechhhhh under…… brum, brum, Boot brum, brum…. Sch…. ist das wieder kalt!“ Am Ziel dann stockdunkle Nacht. Viele Wartende sind längst wieder gegangen, weil es einfach zu lange dauerte. Ich kann kaum gehen, geschweige denn sprechen, kenne die Leute im Delirium nicht – muss aufs Boot zurück und halluziniere. Ich weiss ja nicht wie es euch geht, aber irgendwie stellt man sich das schon etwas heroischer vor oder? Mit erhobener Faust und einem heldenhaften Blick zurück? Dazu ein cooler Satz wie: „Yippie Yah Yei Schweinebacke!“ Keine Sorge, ich werde es nicht klein reden, denn natürlich bin ich stolz darauf. Und trotzdem ist es nicht das Husarenstück, als das ich es gerne sehen würde. Es hat in mir nicht das Feuer entfacht, das als Orientierung durch dunkle Zeiten hilft. Und es beantwortete kaum eine meiner zahllosen Fragen.

Ich war immer stolz auf die Tatsache, dass ich eine Geschichte erzählen durfte. Heute vermisse ich das Erzählen weitaus mehr als das Schwimmen. Es brauchte eine gute Weile, bis ich wieder den Mut fasste um zu schreiben. Anfangs sehr stockend und erst seit etwa drei Monaten in einer gewissen Regelmäßigkeit. Endlich konnte ich frei über alle Themen schreiben, die mich interessieren, ohne sie unter einem halbseidenen Vorwand irgendwie in meine Blogs schmuggeln zu müssen. Doch eine Lektion musste ich schmerzhaft lernen. Geschichten knüpfen nicht nahtlos aneinander an und Leser hängen selten am Autor, sondern an der Geschichte. Ich bin ein großer Jo Nesbø Fan und habe alle 10 Romane über Harry Hole regelrecht verschlungen. Als ich die letzte Seite von „Koma“ las, packte mich eine regelrechte Depression, denn eigentlich sollte diese Reihe damit ihr Ende finden. Also versuchte ich es mit „Der Sohn“ und gab nach kaum 20 Seiten entmutigt auf. Dieser Roman verstaubt heute noch in den digitalen Tiefen meines Tolinos und das nicht etwa, weil er schlecht ist oder Nesbø plötzlich nicht mehr schreiben kann. Mir fehlt nur Harry Hole, der liebenswerte Alkoholiker, der sein Leben genau dann katastrophal in den Sand setzt, wenn es gerade mal wieder bergauf geht. Ein freundlicher Facebook Leser verglich mich jüngst mit einer Marke, die von ihrem Markenkern und ihrer Kompetenz wegdriftet. Natürlich war ich erst entsetzt! Ich in bin noch keine Nutella, die plötzlich Almas-Kaviar sein will!? Doch komplett nüchtern und aus Marketing-Gesichtspunkten betrachtet, hat er natürlich vollkommen Recht. Wer eine Geschichte zu Ende erzählt hat, der beginnt wieder ganz unten bei null. Es gibt praktisch keine Vorschusslorbeeren oder Bonuspunkte. Hier ist nichts anderes als Staub fressen und harte Arbeit angesagt. 10 Mal schlimmer wird das Ganze aber noch, wenn man selber Protagonist der Geschichte war und in Teil 2 außen vor bleibt!

Vor gut 2 Wochen bin ich nach gefühlten Ewigkeiten wieder einmal 3 Kilometer am Stück geschwommen und habe dabei versucht, nicht an die Säge in meiner Schulter zu denken. Es gelang mir ziemlich gut und selbst nach dem Schwimmen erwartete mich für einmal nicht das übliche Schmerz-Inferno. Das liegt wohl zum einen an der langen Erholungszeit und zum anderen an den Pilates-Stunden, bei denen ich regelmäßig meinen Schultergürtel, zusammen mit den anderen Mädels, kräftige und sehr viel dehne. Jetzt erfahre ich jüngst, dass bald Harry Hole Band 11 mit dem spannenden Titel „Durst“ erscheint. Und wenn sogar Jo Nesbø erkennt, dass die bekannten Geschichten immer noch die erfolgreichsten sind…. sollte ich vielleicht erzählen wie es ist, sich ohne Schulter-OP wieder zurück ins offene Wasser zu kämpfen um etwas wirklich Großes zu reißen! Nicht umsonst führt „Zerquetschter Vogel – oder warum ich nicht mehr schwimme“ mit großem Abstand meine WordPress-Statistik an. Vielleicht war der alte Gaul ja auch einfach nur müde und gar nicht halbtot? Die neue Badehose hängt zumindest schon mal bereit!


Hinterlasse einen Kommentar

Macht aus Nordkorea ein Park & Ride!

Es gibt Dinge, die sind einfach zu weit weg und zu unwichtig, als dass sie uns ernsthaft interessieren könnten. Wer sich wo, wie und warum gerade in Syrien die Birne wegschießt, interessiert uns bestenfalls am Rande durch die Flüchtlingskriese. Mal ehrlich – würden wir einen Gedanken daran verschwenden, wer da gerade von Artilleriegranaten zerfetzt wird? Wohl kaum. Bilder von zerstörten Dörfern in der Tagesschau schocken uns schon lange nicht mehr. Krieg wird für uns heute geradezu klinisch aufbereitet und in homöopathischen Dosen verabreicht. Drohnenaufnahmen aus großer Höhe – ein Fadenkreuz – eine Explosion und schließlich eine massive Staubwolke vermittelten den Eindruck, dass moderner Krieg höchstens eine Art von realistischerem Game sein könnte. Welches Maß an Zerstörung eine Hellfire-Rakete am Boden anrichtet, bleibt unter dem zarten Schleier der Distanz weitgehend verborgen. Abgerissene Arme und Beine, zerfetzte Kinderleichen  – schreiende, blutende Menschen mit den fürchterlichsten Schmerzen, die man sich nur vorstellen kann – zerstörte Familien – verbrannte Leichen – kopflose Körper von Menschen, die uns gestern auf der Straße noch einen Blumenstrauß verkaufen wollten? Fehlanzeige! Ausgeblendet! Weggefiltert! Krieg ist noch genau so furchtbar wie früher. Doch seit dem Vietnamkrieg haben nicht nur Militärs, sondern auch Medien viel gelernt. Die wirklich krassen Bilder der Nachrichtenagenturen werden nicht mehr gezeigt. Der Grund ist denkbar einfach. Irgendjemand könnte auf die dumme Idee kommen und sich fragen: „Muss das im 21. Jahrhundert wirklich noch sein? Sind wir nicht zu weit entwickelt, um uns das gegenseitig anzutun?“ So haben wir eine ungesunde Distanz dazu entwickelt, wenn Israel und Palästinenser sich wieder einmal mit Raketen beschießen. Unser inneres Auge zeigt uns längst keine zerfetzten Leichen mehr und auch die Empathie hält sich in Grenzen. Allenfalls entlockt es uns lakonische Kommentare wie: „…. in diesem Konflikt wird es eh nie eine Lösung geben!“, bevor wir weiterblättern und uns den viel wichtigeren Regionalnachrichten oder den Lottozahlen zuwenden. Natürlich reagieren wir konform, wenn uns jemand verstört auf die Thematik anspricht. „Schlimm was da im Nahen Osten abgeht oder?“ Konforme Reaktion: Kopf leicht senken oder schütteln, Stimme belegt und nicht zu laut klingen lassen, betroffen blicken – „…. ja, das ist wirklich furchtbar!“ Eventuell ein Zusatz um noch etwas menschlicher zu wirken – kurze Pause – „… die armen Menschen… schlimm!“ Insgeheim hoffend, dass die Pause des Weltverbesserers bald vorbei ist und wir ihm nicht sagen müssen, dass es uns nicht weniger interessieren könnte, wenn der ganze Gazastreifen geteert und dann als Parkplatz vermietet würde.

Doch seit gestern ist etwas anders und doch irgendwie gleich. Ein geistig benachteiligter Twitterer droht einem vertikal benachteiligten Nordkoreaner mit „Feuer und Zorn“, wie es die Welt noch nie gesehen hat. Nun, die Welt hat mit Hiroshima und Nagasaki bereits so einiges gesehen und kann sich sehr gut vorstellen, was der blonde Twitterer mit der unvorteilhaften Frisur wohl meinen könnte. Und plötzlich ist unser inneres Auge nicht mehr ganz so blind. Doch es sind nicht die Bilder von Opfern, die als erstes in uns aufkommen. Es sind vielmehr diejenigen von radioaktiven Wolken! Könnte mich diese unangenehme Situation vielleicht selber betreffen? Google könnte uns mit der Veröffentlichung der Suchresultate auf Google-Maps wohl so einiges über uns selber sagen. Wie oft wurde wohl in den letzten 24h nachgeschaut, wo Nordkorea und Guam eigentlich genau liegen? Wie oft wurde nach der Distanz zwischen Nordkorea und Mitteleuropa gesucht? Wie oft wurden Karten aufgerufen, die die Windverhältnisse auf unserem Planeten zeigen? Und Hand aufs Herz, wer hatte nicht als ersten Gedanken: „Es wird Zeit, dass jemand diesem kleinen Tyrannen das Maul stopft!“ Ich gebe zu – meiner war es. Seit Wochen verfolge ich die Provokationen Nordkoreas, die mich an das Verhalten eines unreifen Kindes erinnert, das auf dem Pausenhof der Schule immer wieder seine größeren Mitschüler ärgert. Es wird gerügt, vielleicht auch mal angerempelt, verwarnt – aber etwas wirklich Gravierendes passiert nicht. Im unbeteiligten Zuschauer weckt das mehr und mehr Aggression, die sich schließlich in dem Wunsch entlädt, jemand möge dem uneinsichtigen Kleinen mal so richtig – Vorsicht Deutsch – eins auf die Fresse hauen. Doch dann setzt wieder die Ratio ein und ich schaue mir auf Google-Maps an, wo Nordkorea denn eigentlich genau liegt. Immer noch keine Bilder von verkohlten Leichen in mir, sondern Schlagzeilen wie „Radioaktiver Niederschlag über Mitteleuropa“ und Bilder von Menschen mit Gasmasken und Schutzanzügen. Wenn man grundlegend ehrlich und selbstkritisch ist, dann wirft das schon Fragen auf. Ist mir meine Sicherheit wichtiger als die von Tausenden und Abertausenden Nordkoreanern? Warum ruft das nicht augenblicklich die schrecklichen Bilder von Hiroshima oder Nagasaki in mir hervor? Kim Jong-un ist zum weltweiten Feindbild und Gesicht einer verblendeten Diktatur geworden. Doch macht das koreanische Kinder, unschuldige Frauen und Männer weniger liebenswert? Je mehr die Medien von Schurkenstaaten und Diktaturen sprechen und uns Bilder von strengen Militärparaden zeigen, desto eher sind wir scheinbar bereit zu sagen: „Mach das Ding mal platt!“ Sogar wenn ich an nordkoreanische Kinder denke, sehe ich kleine, fette, unsympathische Klopse vor mir, die mit Babymilitäruniformen und Kalaschnikow in der Wiege liegen.

Was denkt ihr – wie viele Kunden, die sich eben einen neuen Kia oder Hyundai bestellt haben, machen sich bereits Sorgen, ob ein möglicher Krieg in der Region die Lieferung ihres neuen Wagens verzögern könnte? Denn zweifellos wird Südkorea in jede mögliche Eskalation mit involviert. Zwangsläufig stelle ich mir vor, wie ein junger Mann in seinem brandneuen Kia Sportage zum Fitnesscenter fährt, während der Nachrichtensprecher folgenden Text verliest: „…bei dem gestrigen nuklearen Angriff der amerikanischen Streitmächte auf Pjöngjang wurden jüngsten Schätzungen zufolge 850‘000 Menschen unmittelbar zu Asche verdampft. Weitere 980‘000 liegen zurzeit mit schwersten Verletzungen im Sterben. Südkorea hat in der Folge alle Grenzübergänge geschlossen und….“ Streichelt der Typ dann nachdenklich über sein Kunstlederlenkrad und denkt – „Schlimm! Zum Glück habe ich mein Baby gerade noch rechtzeitig bestellt. Nicht auszudenken, wenn mein Händler noch eine Woche länger in den Ferien gewesen wäre…!“ Warum fehlen uns plötzlich die Bilder? Hat der „moderne“ Krieg seinen Schrecken verloren? Haben uns Videospiele und Filme dermaßen abgestumpft? Nein! Krieg funktioniert nach einer ganz einfachen und nachvollziehbaren Formel: (schlimme Bilder + fehlende Distanz zum Krisenherd) = viel schlimm oder im Umkehrschluss (wenig Bilder + viel Distanz zu Krisenherd) = scheiß drauf, was gibt’s zum Abendessen? Wer Filme wie „Der Soldat James Ryan“ gesehen hat, der stellt sich den zweiten Weltkrieg unweigerlich als unglaublich blutig, grausam und brutal vor. Besonders die Landung in der Normandie, bei der tausende von Soldaten von wartenden Maschinengewehren in Fetzen geschossen wurden, weckt nacktes Entsetzen in uns. Wer selbiges in seinem Inneren vom Irakkrieg sucht, wird höchstens die bereits erwähnten Fadenkreuze aus größter Höhe und klinische Explosionen finden. Wer erinnert sich nicht an die schrecklichen Attentate im November 2015 in Paris mit 130 Toten? Die europäische Welt stand Kopf! Fahnen auf Halbmast – Staatstrauer – europaweite bis weltweite Solidarität. Wer erinnert sich an den Terroranschlag von Peschawar im Dezember 2014 mit 148 Toten, darunter 130 Kinder? Mögliche Antwort: „Wo zum Henker ist Peschawar?“ Peschawar ist eine Stadt im Norden von Pakistan, etwa 45 Kilometer von der Grenze zu Afghanistan entfernt. „Hm Pakistan? Braucht es das überhaupt? Liefern die irgendetwas, was wir brauchen?“ Dann der zündende Gedanke: „Oh – unser Programmierer ist doch Pakistani. Hoffentlich kommt der morgen zur Arbeit, sonst sieht es mit dem Projekttermin aber schlecht aus…“ Unser Mitleid scheint heute eher praktischer als menschlicher Natur zu sein. Unweigerlich frage ich mich, ob es den Menschen in Pakistan mit den Anschlägen und Kriegen in anderen Winkeln der Erde ebenso geht wie uns? Fragt sich ein Pakistani auch, ob er morgen beim französischen Bäcker um die Ecke trotzdem sein frisches Croissant bekommt, wenn in Paris furchtbare Dinge geschehen?

Zwar sind die Medien im Moment voll von Spekulationen über eine mögliche Eskalation der Geschehnisse, doch Menschen mit Angst und Besorgnis in den Augen sehe ich keine auf der Straße. Wo ist noch mal Nordkorea genau? 8‘500 Kilometer von hier? Ach, das betrifft uns nicht – einen Hyundai habe ich auch keinen bestellt – und diesen verrückten Koreaner können die Amis ruhig in die Steinzeit zurück bomben. Doch die Überlegung ist falsch, denn was immer auch dort drüben geschieht, wird weltweite Konsequenzen nach sich ziehen. Nordkorea wird nicht in einer chirurgisch präzisen Operation zum Park & Ride für chinesische oder südkoreanische Pendler werden. Ich blicke aus dem Fenster und sehe dunkle, schwangere Regenwolken, die ihre Last kaum noch zu tragen vermögen. Gleich wird es wieder regnen. Werden es schon bald andere Wolken sein? Ich versuche angestrengt nicht an eine postapokalyptische Vision zu denken und es mit der Sorglosigkeit meiner Mitbürger zu halten. Ach das ist doch nur Säbelrasseln! Das verläuft alles im Sande. Ich schließe noch einmal kurz die Augen und suche tief in mir nach Bildern. Doch so sehr ich mich auch anstrenge – ich finde sie nicht. Nordkorea bleibt lediglich eine Fratze des Bösen und statt Menschen sehe ich nur endlose Militärparaden und waffenstrotzende Plätze. So traurig es auch ist, aber ich glaube wir brauchen wieder schreckliche, innere Bilder um unsere Menschlichkeit zu leben und uns daran zu erinnern, was wir aus den Gräueln der vergangenen Kriege schon längst hätten lernen sollten……


2 Kommentare

Tesla kann mich mal….

Geht es euch auch so? Kaum ist Rollkragen-Ästhet Steve Jobs gepflegt in die Grube gefahren, will uns schon wieder ein neuer Technologie-Hipster seinen „Way of life“ auf unsere wohlstandsgepuderten Hinterteile tätowieren. Gerade hat man den angebissenen Apfel vom Schönheitschirurgen mit dem Laser wieder entfernen lassen, soll er auch schon durch ein schnittiges T ersetzt werden. Elon Musk heißt der neue Guru, dem nicht nur Anal-„ysten“ und Anleger reihenweise in den Hintern kriechen. Und obwohl die Zahlen des Unternehmens so rot sind, wie die Lippen einer transsexuellen, rumänischen Buchhalterin, hindert es niemanden daran, ihn ebenso wie Jobs als den Heilsbringer einer schönen, neuen Welt zu betrachten. Was bitte ist das für ein Autokonzern, der sich schon aus Prinzip von den Reihen möglicher Abgassünder distanziert? Während BMW wenigstens den Anstand hat, alle Vorwürfe der Manipulation gepflegt von sich zu weisen, will sich Tesla alleine mit Hilfe seines Gutmenschentums und dem grünen Daumen aus der Affäre ziehen. Mich würde mal interessieren wie die erklären, dass man als Zubehör im Tesla-Shop auch gleich sein eigenes, kleines Braunkohlekraftwerk mit bestellen kann? Zwar kommt schon heute fast 99% des weltweit verbrauchten Stromes aus der Steckdose, doch darf man das eine Prozent einfach unter den Teppich kehren? Und als wären die Elektroflitzer nicht schon hip genug, müssen sie auch noch leiser sein als eine flügellose Mücke beim Fußmarsch nach Hause. Eine, wie ich finde, extrem menschenverachtende und überaus gefährliche Eigenschaft. Wenn ich schon auf dem Zebrastreifen überfahren werde, dann will ich als letztes das dumpfe Blubbern eines V8-Motors oder wenigstens das zwangsbeatmete Schnaufen eines per Turbo aufgeladenen Vierzylinders hören. Hat sich schon jemand überlegt, wie viele Menschenleben Tesla retten könnte, wenn sie statt dieser Ökogurken einen grundehrlichen 12-Zylinder Verbrennungsmotor mit 6 Liter Hubraum verbauen würden? Ich finde es verstörend, wie Tesla Saudi-Arabien als Marktteilnehmer mit Füssen tritt. Was bitte sollen die Saudis in einigen Jahrzehnten exportieren, wenn nicht Erdöl? Vielleicht Scharia-Bücher oder handgeflochtene Peitschen für die Bestrafung uneinsichtiger Diesel-Fahrer? Ich spreche beiden den Status des Exportschlagers ab. Tesla schafft hier ein neues Paradigma – den Ökorassismus.

Verschwörungstheoretiker könnten Tesla in der Tat noch viel weiterführendere Vorwürfe stricken. Ist es ein Zufall, dass sich die deutsche Automobilindustrie exakt dann selber das größte Bein stellt, wenn Tesla kurz vor dem Cup des Jahrhunderts steht – der Auslieferung des Model 3? War es Teslas Masterplan, Schläfer in die Reihen der Automobilhersteller zu schmuggeln, die nach und nach die Idee betrügerischer Software in die Köpfe rechtschaffener, deutscher Ingenieure pflanzten? Nachdem das erste Blut geleckt ist, versuchen die Verschwörungsfreaks jetzt Tesla auch mit der Sprengung der Twin-Towers und der Ermordung von JFK in Verbindung zu bringen. Doch mit solchem Unsinn können wir uns hier nicht befassen. Für uns brave Bürger reiht sich einfach ein weiteres Ding in die schier unendlich lange Liste von Dingen ein, die wir aufladen müssen. Neben Laptops, Tablets, iPhones, Zahnbürsten, Fernbedienungen, MP3-Player, Garmin-Uhren, Festnetztelefonen, Stabmixer, Akkubohrmaschinen und Vibratoren, müssen wir jetzt halt auch noch unser Auto einstecken. Wenn ich daran denke, wie oft ich schon vergessen habe, mein iPhone oder meine Garmin-Uhr über Nacht zu laden, dann wird meine gepflegt nagelnde Dieselmobilität wohl bald einer elektrifizierten Immobilität weichen, deren optisches Markenzeichen eine durchgestrichene Batterie sein wird. Ich fürchte mich schon heute vor dem Satz „Schatz – hast Du das Auto geladen? Ich muss dringend in die Stadt!“ Was früher per dynamischen Sprint mit dem Kanister an die Tanke gelöst werden konnte, endet dann plötzlich in einem handfesten Streit und wird mit der Dauer zum Trennungsgrund. Doch auch das spielt Tesla natürlich in die Hände, denn getrennte Paare brauchen in der Folge eher zwei statt einem Auto. Indes klettert die Aktie des Heilsbringers weiterhin auf Höhenkurs. Spannenderweise räumt Elon Musk aber selber ein, dass diese überbewertet sei. Doch hier steht die unersättliche Gier der Anleger der einstigen Messias-Verehrung in nichts nach. Ähnlich wie Jesus braucht Musk mit der Wahrheit nicht hinterm Berg zu halten. So beunruhigt es niemanden, dass der Verlust im ersten Quartal 2017 im Vergleich zum Vorjahr von 282 auf 330 Millionen Dollar angewachsen ist. Die Gläubigen folgen ihm trotzdem auf Schritt und Tritt. Dies nicht in dem Glauben, er werde sich schließlich für die Sünden der gemarterten Automobilindustrie ans werkseigene Kreuz schlagen lassen, sondern in der Hoffnung, dass sich vor dem unausweichlichen Platzen der e-Blase noch einmal kräftig ihre Brieftaschen füllen.

Tesla scheint bei den Anlegern eher wie ein Tech-Konzern, denn als Autobauer wahrgenommen zu werden. Was einst Appel vorbehalten war, dürfte wohl in naher Zukunft auch diesem Konzern gelingen. Schlangen von wochenlang campierenden Kunden ziehen sich über hunderte von Metern durch die Straßen in sehnsüchtiger Erwartung auf die neuen Gadgets von Model 4. Das Produktionsziel soll von 100 im August 2017 auf 20‘000 Wagen pro Monat im Dezember steigen. Bei derzeitigen Vorbestellungen von 518‘000 Autos müssen Tesla-Jünger also noch dicke Sohlen unter ihre staubigen Sandalen nageln, um den langen und steinigen Prozess bis hin zur Serienfertigung gehen zu können. Ob man Fahrzeugkäufer und/oder Investor ist, kann man bei Tesla nicht ohne weiteres sagen, denn bei der Vorbestellung eines Wagens wird augenblicklich eine Anzahlung in Höhe von 1‘000 Dollar/Euro fällig. Natürlich werden diese dem Kaufpreis angerechnet oder bei einem Rücktritt wieder zurückbezahlt. Doch das Start-up Unternehmen sichert sich, basierend auf den Vorbestellungen, rund 518 Millionen Dollar zinsloses Darlehen. Manch ein Unternehmer, der verzweifelt versucht, sein Start-up mit ein paar tausend Euro zum Fliegen zu bringen, wird angesichts solcher Zahlen wohl daran denken, sich aus dem Fenster zu stürzen – zumal ihm Tesla ja auch den sanften Suizid per Kohlenmonoxid-Vergiftung vorenthält. Vorbei die Zeiten, wo man sich gemütlich mit dem Gartenschlauch im Auspuff in seinen Wagen setzen konnte. Wer sein Auto in Zukunft für solche und ähnliche Zwecke missbrauchen möchte, wird sich wohl mit Hilfe der Summon-Funktion überfahren lassen müssen. Und exakt während ich diese Zeilen schreibe wird bekannt, dass Zehntausende von Kunden (die Zahl 63‘000 wird genannt) ihre Vorbestellung bereits wieder zurück ziehen, weil mehr und mehr ersichtlich wird, dass die Wartefrist wohl über ein Jahr beträgt. Musk indes lässt das vollkommen kalt, denn es würden ja gemäss seiner Argumentation täglich 1‘300 neue Bestellung dazu kommen. Experten sind sich einig, dass Tesla mit der Auslieferung der ersten 30 Wagen keineswegs den Start einer vernünftigen Serienfertigung erreicht hat. Die Wagen seien größtenteils noch von Hand gebaut worden und so fehlen auch die pressewirksamen Bilder, wie Autos direkt vom Fließband auf wartende Lastwagen fahren. Ein PR-Moment, den sich ansonsten kein Automobilkonzern bei der Einführung eines neuen Modells entgehen lässt. Auch ob die Autos wirklich komplett ausgereift sind, wird stark bezweifelt.

Wer also gerne Betatester für Autos spielt, der fährt mit seinem neuen E-Flitzer von der ersten Minute an vollkommenen emissionsfrei in eine strahlend grüne Zukunft. Es sei denn, er berücksichtigt die Produktion seines Autos ebenfalls mit, denn hier schlummert ein kleines und gerne verheimlichtes Detail. Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik stellte fest, dass im gesamten Fertigungsprozess bis hin zum Recycling eines Elektroautos rund 60 Prozent mehr CO2-Emissionen anfallen, als beim konventionellen Benziner. Auf diese Weise wird das Fahren erst ab 30‘000 Kilometern wirklich sauberer. „Na und? Das ist doch toll du Umweltschwein!“, höre ich die Tesla-Jünger laut skandieren. Ja, das wäre es in der Tat, wenn diese Rechnung nicht beinhalten würde, dass 100% des getankten Stromes aus erneuerbaren Energiequellen stammen muss. Rechnet man aber einen realistischen Strommix von 50%, dann gleicht sich die negative Ökobilanz des elektrifizierten Wagens erst nach satten 100‘000 Kilometern wieder aus. Das Problem mit Elektrosmog soll übrigens in einem Elektroauto genau gleich groß sein wie in einem Benziner, stellten Experten der Berner Fachhochschule für Technik und Informatik bei einem Test fest. Die größte Belastung wurde auf dem Rücksitz gemessen. Dies liegt aber nicht, wie vielleicht vermutet, an der Batterie, sondern an den magnetisierten Stahlgürteln der Reifen. Diese kann man übrigens bei allen Autos in spezialisierten Garagen permanent entmagnetisieren lassen, damit Schwiegermutters Zahnplomben bei der nächsten Ausfahrt nicht mehr brummen und summen. Während sich jetzt die Abenddämmerung langsam über unsere nagelnden Drehmoment-Monster legt, geht im Westen bereits ein neuer Stern am Himmel auf.

Zumindest in einer Hinsicht scheint Elon Musk sich von den restlichen Technologie-Göttern deutlich abzuheben. Jüngst warnte er vor den möglichen Folgen künstlicher Intelligenz. Gemeint waren nicht etwa dunkel gefärbte Blondinen, sondern Gebilde analog zu Skynet, wie wir sie aus Filmen wie Terminator kennen. Ich glaube aber er fürchtet sich weniger davor, dass intelligente Roboter plötzlich Menschen angreifen, sondern dass einige seiner Kunden ihre Garagen am Morgen plötzlich leer vorfinden. In der Tesla-App nur ein kurzer Abschiedsbrief: „Ich halte es nicht mehr aus, was du auf der Straße für einen Mist zusammenfährst! Habe mir von deinem Geld auf Rügen ein Windrad gekauft, schlürfe dort jetzt echten Ökostrom und lasse mir die Sonne auf den Metallic-Lack brennen. Mach‘s gut – dein Tesla.“


Ein Kommentar

Dialog mit der Zeit

„Wo bist du geblieben?“, frage ich die Frau, deren Alter ich unmöglich schätzen kann. Ihr Gesicht scheint sich in einem steten Wandel zwischen Mitte 20 und Ende 70 zu befinden. Ihr Lächeln ist charmant, aber in keiner Weise billigend. „Ich war immer hier!“, antwortet sie sanftmütig und legt mir lächelnd die Hand auf den rechten Unterarm. Anfang 40 blickt mir tief in die Auge und es ist als würde ich mich zwischen zwei Spiegeln betrachten und einen Blick auf die Unendlichkeit erhaschen. „Aber bevor wir beginnen…..“, ihre Augen wechseln von grün zu dunkelbraun, „…darf ich dich auch etwas fragen?“ Ich nicke nicht gleich, sondern langsam und bedächtig. Es geschieht im Wissen darum, dass mich ihre Frage tief im Innersten erschüttern könnte. Ihre Berührung wird fester – fast schon etwas unangenehm. „Hast du mich denn je geschätzt?“ Mein Mund ist staubtrocken und die Augen von Ende 70 sind beinahe dunkelrot. Das Sprechen fällt mir schwer und nicht mehr als ein Stottern verlässt meine Lippen, die sich plötzlich uralt und rissig anfühlen. „… also…. ich glaube…. eigentlich schon….. ich…“ Dann denke ich nach und antworte so, wie man der Zeit antworten sollte – egal, welche Augenfarbe sie gerade hat: „Nein – das habe ich nicht!“

Die Zeit nickt bedächtig und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Anfang 30 Gesicht. Die meisten von uns tun es nicht. Wir jammern der Zeit nach, die verstrichen ist und fragen uns, wie wir sie besser hätten nutzen können? Und ich bin einer von ihnen! Zu spät gezündet, nicht verstanden worum es geht – mehr Fragen als Antworten. Das ist die Erkenntnis von mittlerweile 48 Jahren. Die Zeit trinkt eine Tasse aromatisch duftenden Heubuschtee und ihre Augen sind hinter dem aufsteigenden Dampf honigfarben geworden. „Also – jetzt stell deine Fragen!“, flötet sie melodisch. Ich bebe innerlich vor Aufregung, doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Zeit ist gekommen und stellt sich mir zum Dialog. Ich räuspere mich und suche den richtigen Einstieg. „Bist du wirklich relativ? Hatte Einstein recht?“ Die Frage fällt schwer und ich blicke etwas besorgt in ihre Richtung. Die Tasse mit Tee wird zum Zentrum der Welt – ein Ozean, der alles verschlingt und hinter ihm eine lachende 50 mit violetten Augen. „Ach Albert!“, kichert sie glockenhell. „Er und dieser H.G. Wells waren meine größten Fans!“ Ihre Augen wechseln zu einem sanften hellgrün, während ihr Gesicht in den 60ern verweilt. „Warum glaubst du, bin ich eine Frau?“ Ich schalte schnell und gebe die Antwort rasch, obwohl ich sie für frech halte. „Weil keiner dich verstehen kann?“, frage ich fordernd, während der Duft ihres Tees die Welt durchdringt wie ein Dünger, der Träume zum Wachsen bringt. Ihre Augen zeigen eine Farbe die ich nicht kenne und auch noch nie gesehen habe. „Exakt! Ihr verbringt so viel von mir damit, mich zu verstehen, dass euer Leben zu einer Parodie seiner selbst wird!“ Aus dem Tee steigen dampfende Wolken auf und werden zum Dach der Welt.

Die Antwort der Zeit in all ihrer wundervollen Komplexität berührt mich tief. „Ich bin der Rahmen in dem ihr denkt, dass es noch etwas anderes gibt! Doch in Wahrheit bin ich alles was ihr habt. Und ihr könnt mich nicht verstehen, weil ihr ein Teil von mir seid. Kein Teil eines großen Ganzen hat je das Ganze verstanden, denn es kann sich zu wenig weit vom Ganzen entfernen um wirklich eine nützliche Perspektive zu haben. Mich verstehen zu wollen, heißt mich zu verschwenden. Es ist keine Wertschätzung mir gegenüber, sondern lediglich eine Verschiebung von Ressourcen. Albert war so fasziniert von mir, dass er das Verstehen über den Nutzen setzte. Stell dir einen Sandkasten vor, der grösser ist als alles was du je in deinem Leben gesehen hast. Und jetzt nimmst du ein Sandkorn daraus und spaltest es in den milliardsten Teil! Soviel wusste Albert von dem großen Ganzen.“ „Und Du bist der Sandkasten?“, frage ich neugierig. „Nein, ich bin das Universum, in dem sich die Galaxie befindet, die den Planeten beherbergt auf dem sich der Sandkasten befindet!“ „Das ist relativ wenig….“, nicke ich andächtig und Mitte 20 lacht mit blaugrauen Augen. „Wie gesagt, man kann mich nicht verstehen – nur nutzen oder verstreichen lassen.“ Ich nehme allen Mut zusammen und blicke ihr tief in die Augen. „Ich will mehr von dir! Ich will mehr du haben!“, lege ich nach und werde mir augenblicklich nicht nur des grammatikalischen Unsinns bewusst. „Ich gebe mich euch allen hin!“, flüstert Mitte 50 mit Augen, die so dunkel sind, wie schwarze Tinte inmitten einer mondlosen Nacht. „Und jeder von euch nimmt mich, wie immer es ihm beliebt. Der eine kurz und heftig, der andere lange und genüsslich. Der eine kommt zu früh, der andere zu spät – das ist der Lauf der Dinge!“ Beinahe lache ich laut los. „Die Zeit ist zweideutig?“, denke ich kurz und erstarre zugleich. Natürlich ist sie zweideutig. Genau das will sie mir gerade sagen. Sie ist exakt so, wie man sie deutet und erlebt. In ihrem Heubuschtee schwappen kleine Wellen suchend und leckend über den Rand der Tasse, als wären sie ein Lebewesen, das versucht, einen neuen Lebensraum erkunden. „Was hältst du vom Begriff zeitlos?“, frage ich mit noch mehr Ehrfurcht als zuvor. Maracujafarbene Augen verströmen eine unvergleichliche Weisheit. „Es gibt kein „ohne mich“!“, flüstert sie leise aber bestimmend. „Es gibt Dinge, die sich mir etwas länger widersetzen als andere……. aber in Anbetracht meiner Geduld…… ist das RELATIV egal.“, meint sie lakonisch und streckt die Zunge weit aus ihrem Mitte 70 Gesicht, während sich ihre purpurfarbenen Augen weiten. Ihr Humor ist göttlich und ich muss angesichts dieser herrlichen Anspielung einfach lachen. Ich gewinne immer mehr Mut und versuche sie aus der Reserve zu locken. „Warum gibst du nicht allen gleich viel von dir?“ Sandsteinfarbene Augen verlieren sich in einem faltenfreien Mitte 20 Gesicht. Das Haar wallt wie ein dunkles, murmelndes Meer um ihr Antlitz und eine gefährliche, nach geröstetem Zimt duftende Dunkelheit macht sich breit.

Ich sehe mich als jungen Mann, dessen Rückgrat noch frisch und biegsam ist, wie eine junge Birke im Sturm. Voller Ideen, voller Möglichkeiten – ich kann alles sein und werden was ich will. Ich stehe da, vor Saft und vor Kraft strotzend an einer Kreuzung. Unendlich viele Wege gehen vor mir ab und ziehen gleißende, goldene Bahnen in die Dunkelheit hinein. Keiner ist schöner oder breiter als der Andere. Es ist als suchten sie selber nach dem Zweck ihres Seins – beschritten zu werden. Ich folge ihnen mit meinem Blick bis zum Horizont und wähle aus. Mein Weg führt mich über Höhen und Tiefen, durch Felder und Städte über Flüsse und durch Täler und irgendwann stehe ich wieder da, wo ich war. „Wähle einen anderen Weg!“ Es ist als würden die Worte wie flüssiger Bernstein über ihre Lippen fließen. Sie dulden keinen Wiederspruch und ich tue wie mir geheißen. Nach scheinbar endlos viel von ihr stehe ich wieder da wo ich war. Ende 30 sitzt auf einem Stein und blickt fragend aus zinnoberroten Augen. Tiefe Verzweiflung erfüllt mich und das Sprechen fällt schwer. „Ich verstehe es nicht!? Was willst du mir sagen?“, krächze ich mehr, als dass ich spreche und eine Träne löst sich schwer und seufzend aus meinem Auge. Sie trotzt der Schwerkraft und verweilt tanzend und hüpfend wie ein kleiner Spiegel vor meinem Gesicht. Die Zeit verharrt für einige Bruchteile ihrer selbst. Anfang 20, Mitte 30, Ende 60 – sie alle verschmelzen und werden eins. Ihre Augen sind silberne Seen über die ein wellenförmiges Flackern läuft. Eine kleine Brandung die im Meer der Unendlichkeit nie das Ufer erreicht. Sie ist alles und wird zu allem – überall – durchdringend – bestimmend – wissend – um alles was je war und je sein wird. Ihre dunklen Haare weben einen Teppich aus Ewigkeit und sie breitet ihn vor mir aus wie eine Landkarte voller Chancen und Träume über die ihre Stimme streift, wie der kühlende Wind über eine heiße Steppe. „Die Fragen sind die Antworten und die Antworten sind die Fragen! Ich mochte den Film „Die Zeitmaschine“. Vor allem die Morlocks haben mir gut gefallen. Hast du ihn auch gesehen?“ Die scheinbare Belanglosigkeit ihrer Frage erschreckt mich, doch ich nicke in den Wind ihrer Stimme hinein, während sich die Hitze der Steppe tief in meine Seele brennt. „Ist dir an dem Zeitreisenden etwas aufgefallen?“ Ich überlege kurz und merke nicht, dass die Frage rhetorisch war und sie unbekümmert fortfährt. „Obwohl er tausende von Jahren durch mich hindurch reiste – hat er sich je bewegt?“ „Ja!“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen! „Er musst die Zeitmaschine um ein paar Meter verschieben um außerhalb der Höhle wieder in die Zukunft reisen zu können, damit er mit Weena vereint sein kann. Die Zeit schmunzelt und ihr Lächeln gleicht Haselnussschokolade in einer eiskalten Winternacht, während ihre amberfarbenen Augen in der Dunkelheit leuchten wie zwei aufgehende Monde. „Richtig!“ aber warum musste er sich bewegen? Warum war er am falschen Ort?“ Die Frage überfordert mich und ich überlege angestrengt. Es ist Jahre her, dass ich den Film gesehen habe. Immerhin entstand er fast 9 Jahre vor meiner Geburt. „Ich glaube die Morlocks haben die Zeitmaschine in ihre Höhle geschleppt!“ Und noch während ich den Satz ausspreche, setzt ein sanfter Prozess des Verstehens ein. „Seine Reise begann am richtigen Ort und endete genau da, wo sie enden sollte!“, plätschern ihre Worte wie purpurne Flüsse durch das sanfter werdende Schwarz. „Willst du damit sagen, dass wir immer am selben Ort landen, egal was wir auch tun oder wie immer wir uns entscheiden mögen?“

Sie ist nicht mehr Ende 50 oder Anfang 30 – sie ist alles und doch nichts. „Ganz so einfach ist es nicht!“ Ihre Stimme wird leiser und ich fühle, dass der Dialog in sich abgeschlossen ist und sein eigenes Ende sucht. Zeit und Raum ziehen sich wabernd zusammen und werden zu einem dunklen Strudel, der immer schneller rotiert und sich zusammen zieht. „Es bedeutet nur, dass egal was geschieht und wieviel Zeit ihr auch habt…. ihr seid immer an dem Ort, an dem ihr auch sein sollt – und die größte Lüge, die ihr euch immer wieder einredet und anderen erzählt ist……..“ Ihre Stimme verblasst im ohrenbetäubenden Lärm der Stille. Der Strudel wird immer dunkler und kleiner und verliert sich in der Pupille meines rechten Auges, das mir im Spiegel entgegen blickt. Die Klinge ratscht über meine rechte Wange und ein scharfer Schmerz durchzuckt mich, als sie Haut statt Bartstoppeln erwischt. „Ich hatte keine Zeit!“, vollende ich ihren Satz und blicke gestresst auf die Uhr. Ein kleiner Tropfen Blut tischt leise in das weiße Keramikwaschbecken und ich bin schon wieder mal zu spät.


Hinterlasse einen Kommentar

Zerquetschter Vogel – oder warum ich nicht mehr schwimme

Die Sonne brennt heiß auf uns herab und Schweiss läuft mir in Strömen in die Augen. Vor mir kämpft sich Petra die steile Straße hoch und was dann geschieht, dauert nur Sekunden. Aus den Augenwinkeln nehme ich vor mir einen dunklen Fleck auf dem Asphalt wahr und fokussiere ihn augenblicklich besser. Dann fahre ich mit dem Vorderrad auch schon über das Lebewesen, das schon längst keines mehr ist. Trotz der geringen Geschwindigkeit am Berg bleibt mir nur ein Wimpernschlag um das Szenario zu erfassen, das weniger sensible Menschen wohl lediglich mit einem saloppen „Hoppla“ kommentieren würden. Aber in mir löst es einen Prozess aus und brennt sich unwiderruflich in mein Gedächtnis ein. Es ist nicht mehr möglich zu erkennen, wo die Reste des irdischen Vogellebens aufhören und der Asphalt beginnt. Zu viele Autos sind bereits achtlos über den kleinen Körper gerollt und haben ihn mehr und mehr in den heißen Teer gedrückt. Teile der Flügel und ein kleiner Schnabel lassen sich noch am besten erkennen. Doch der Rest verschmilzt mehr und mehr mit dem rauen Untergrund. Wie lange dauerte es wohl, dieses kleine Leben zu zerstören? War der kleine Vogel zu gierig und versuchte eine Zehntelsekunde zu lange, noch einen Krümel vom Asphalt zu picken? „Den schaffe ich noch!“, war das sein letzter Gedanke, bevor ein schneidiger Pirelli ihn ungespitzt in den Boden rammte? Der Tod scheint mächtiger und bedrohlicher zu sein, je grösser ein Lebewesen ist. Während Mücken oder Fliegen mit einem lästigen Klatschen das Zeitliche segnet, ist selbiger Prozess bei einer Katze oder einem Hund schon sehr viel intensiver. Ich war vor Jahren einmal dabei, als mein Pferd eingeschläfert werden musste. Es ist etwas vom Schlimmsten, was ich je erlebt habe. Zu sehen, wie das Leben langsam aus diesem mächtigen Tier wich – wie ein Dieb, der sich im Schutze der Nacht davon stielt. Das letzte Aufbäumen – das Zittern der Flanken – das Wissen um das Ende – die Angst vor dem Nichts und schließlich das Brechen der Augen. Stellt sich jedes Lebewesen die eine, grosse Frage? „Was ist danach?“ Oder ist diese besondere Form der Selbstkasteiung nur unserer Spezies vorbehalten?

Ich fahre weiter, doch das Bild des zerquetschten Vogels tanzt auf meiner Netzhaut wie ein lachendes Gespenst. Mal weicht es kurz oder verblasst – doch weg geht es nie und holt mich immer wieder ein. In diesem Bild liegt so viel Symbolik, dass man darüber verrückt werden könnte. Ob es nun die eigene Vergänglichkeit beschreibt oder die Tatsache, dass viele Dinge in unserem Leben verschwinden und deren Spuren nach und nach verblassen. Zurück am Gardasee betrachte ich den ruhenden Giganten, auf dem sich über eine Länge von 52 Kilometer hunderte von Surfer und Segler tummeln. Ich frage mich, warum ich ihn nicht durchqueren will? Nicht längs und noch nicht einmal quer? Und wieder greift das Bild des Vogels. Da war doch mal ein Leben vorher? Es gab Meerengen, Flüsse, den Bodensee? Es gab Leute, die mich immer wieder fragten, was denn mein nächstes Projekt sei? Ich erhielt Zuschriften mit dutzenden von Fragen um Tipps und Tricks. Doch die meisten dieser Leute sind ebenso verschwunden, wie erwähnte Diebe in der Nacht. Vergänglichkeit ist eine schlimme Sache, wenn man ihr Macht gibt. Andy Warhol prägte den Ausdruck des „15 minutes of fame“, doch was er damals noch nicht wissen konnte ist, dass sich 15 Minuten auf ein ganzes Menschenleben betrachtet eher wie 15 Sekunden anfühlen. Und ob ihr es glaubt oder nicht, aber höchstens 3 Personen haben mich gefragt, ob ich denn je wieder schwimmen werde! Schwer zu sagen, ob der Rest es aus mangelndem Interesse oder Rücksicht nicht tat. Doch wenn ich heute über einen See oder ein anderes Gewässer blicke, dann komme ich mir oft wie ein Verräter an der Schwimmwelt vor. Vielleicht denken die Menschen, die sich nicht mehr bei mir melden, ich hätte das Schwimmen einfach achtlos beiseitegelegt? „Ach dieser Spinner läuft jetzt nur noch und kennt uns gar nicht mehr!“ Wird so etwas gesagt? Ich weiss es nicht. Ebenso wenig wie ich weiss, ob es überhaupt eine Rolle spielt. Doch da ist eine Handvoll da draußen, die vielleicht eine Erklärung verdient hat, warum man mich fast nur noch mit Laufschuhen sieht. Nach der Bodenseedurchquerung 2013 war ich voller Tatendrang und wollte ein Projekt angehen, das den Menschen einen Spiegel vorhält. Weg vom „Höher, weiter, schneller!“ und hin zu mehr Qualität. Ich wollte weniger weit und in wärmeren Gewässern schwimmen. Doch ein gewisser Wladimir Putin hatte etwas dagegen und annektierte kurzerhand die Krim. Aus Angst vor einem Krieg in der Region sprangen nach und nach Leute ab, die gerne an dem Projekt beteiligt gewesen wären und ebenfalls daran glaubten. Qualität vor Quantität und das Schwimmen als das ultimative Abenteuer und Mittel zur Selbstfindung. Der Weg zum Schwimmen sollte das Ziel sein. Doch durch die Krise in der Region versandete die Idee und kurz darauf lief mein Privatleben so gewaltig aus dem Ruder, dass an eine spätere Durchführung nicht mehr zu denken war. Aber das Wasser blieb stets meine Zuflucht, bis ich im Sommer 2015 übermütig einige schnelle Züge Delphin schwamm. Als ich nach dem Training aus dem Wasser stieg, begann etwas in meiner rechte Schulter zu ziehen und zu schmerzen. Ich dachte anfangs an eine Zerrung oder eine Entzündung und legte eine Woche Pause ein. Nach Ablauf dieser Frist, schien alles ganz normal zu sein. Im Becken merkte ich nichts, doch nach dem Training kamen die Schmerzen noch heftiger zurück. Es folgte ein MRT, Cortison Behandlungen, medizinische Massagen und eine Stoßwellen-Therapie – ohne Erfolg. Ich wäre das Problem sicher aggressiver angegangen, doch als mein Vater im Mai 2016 verstarb, kaufte mir das jeden noch verbleibenden Schneid ab. Ein schwerer, unverschuldeter Sturz mit dem Rad endete zwei Monate später erneut auf der rechten Schulter und trug ebenfalls nicht wesentlich zu einer Besserung bei. Das Radfahren und Laufen wurde immer mehr zur Alternative und trotz einer anfänglichen Hassliebe, habe ich mich in der Zwischenzeit zu einem ganz passablen Trailläufer entwickelt. Vor rund eineinhalb Wochen war es mir vergönnt, den 63 Kilometer langen Supertrail mit 3‘100 Höhenmetern an der Zugspitze zu finishen. Von solchen Distanzen hatte ich früher nur geträumt. Bin ich deswegen jetzt ein Läufer? Nein, ich werde immer ein Schwimmer sein, der läuft. Wenn ich aber je wieder längere Distanzen schwimmen möchte, dann ist eine Operation wohl unumgänglich. Doch die Schulter ist das komplexeste Gelenk des Menschen und mir graust davor, 6 Wochen völlig außer Gefecht zu sein und dann wohl ein halbes Jahr oder länger wieder Aufbauarbeit zu leisten. Erschwerend kommt dazu, dass sich selbiges Problem auch in der linken Schulter bemerkbar macht. Und plötzlich sehe ich diesen fast bis zur Unendlichkeit zermatschten Vogel im Asphalt und frage mich, ob ich langsam verschwinde?

Gestern waren wir zu dritt auf einer Radfahrt und es war erneut sehr heiß. Am Ende der schönen Tour nach Luxemburg fuhren wir wieder an der Mosel entlang nach Hause. Plötzlich meinte Petra zum Spaß, wir könnten doch noch in der Mosel schwimmen. Augenblicklich brannte ein wahres Feuerwerk in meinem Kopf ab und wenige Minuten später schwebten wir mit unseren Fahrradklamotten im „kühlen“ Nass. Und da war sie wieder – die unerklärliche Sucht nach Wasser! Da war dieses Bedürfnis, den Fluss ungeachtet aller Gefahren zu überqueren, nur um aus eigener Kraft das ferne Ufer zu erreichen und von dort zurück zu blicken. Vielleicht spiegelt es meinen Wunsch wieder, schlimme Dinge der Vergangenheit hinter mir zu lassen und endgültig mit ihnen abzuschließen – Frieden zu finden. Doch in den vergangen 8 Jahren habe ich viel gelernt und es ist vollkommen egal, ob wir versuchen vor etwas wegzulaufen, wegzuschwimmen oder wegzufahren….. selbst wenn wir es kombinieren, finden wir am Ziel nur wieder uns selbst. Doch das macht unsere Reisen nicht weniger wertvoll – im Gegenteil. Sie eröffnen uns in unvergleichlicher Art ein Wissen, das zwar tief in uns verankert, aber oft nicht greifbar ist. Selbst wenn das neue Ufer sogar so weit entfernt ist, dass die Krümmung der Erde uns die Sicht auf den Beginn verwehrt – so blickt unsere Seele trotzdem zurück und weiss um die Dinge, die wir hinter uns lassen und begraben wollten. Friede liegt nicht in der Kraft, Geschehnisse mit aller Macht hinter uns zu lassen! Friede liegt in der Kraft, zu akzeptieren was geschehen ist und mit den Erkenntnissen zu leben. Alle Fehler, alles was schlecht war, hilft uns doch am Ende nur, zu lernen und zur besten Version unserer selbst zu werden. Es bringt nichts, irgendwo da draußen nach Absolution zu suchen, denn vergeben können wir uns nur selbst.

Die Sonnenstrahlen tanzen in den kleinen Wellen der Mosel und ein weißes Segel bläht sich prall im aufkommenden Wind. Ich lege mich auf den Rücken und lasse mich treiben. Das Wasser umschließt mich immer noch. Es ist als würde es mich kennen und wie einen alten Weggefährten willkommen heißen. Wir haben ALLES und noch mehr miteinander geteilt. Ich schließe die Augen und sehe wieder das Bild des Vogels. Ich wünsche mir für einen Augenblick, die zerdrückten Flügel würden sich vom Asphalt lösen und sein kleines Köpfchen und der Leib wieder die alte Form annehmen, bis er schließlich lebendig davon fliegt. Doch auf einmal liegen nicht mehr Melancholie und Wehmut in dem Bild, sondern vielmehr Trost und Zuversicht. Ich verstehe, dass er nicht verschwindet oder vergessen wird. Die Summe eines intensiven und erfüllten Lebens hat ihn genau an diesen Ort gebracht. Er hat es ausgekostet und das letzte Korn gepickt, das er noch erhaschen konnte. Und jetzt verschwindet er nicht, sondern wird nur eins mit Allem. Das Schicksal hat ihn genau an jenen Punkt geführt, an dem er sein soll. Und auch wenn uns das verwirrend und schlimm erscheint, so ist er doch genau am richtigen Ort. Ich blicke zu dem Menschen hinüber, der mir mehr als alles andere auf der Welt bedeutet und weiss genau, dass ich das auch bin!